Der Klimawandel und die Rettung der Welt – ein Interview mit Dr. Herbert Formayer

In ihrem neuen Buch „+2 Grad – warum wir uns für die Rettung der Welt erwärmen sollten“ gehen Helga Kromp-Kolb und Herbert Formayer dem Thema Klimawandel auf die Spur. Ich habe mit Dr. Herbert Formayer gesprochen und ein paar Fragen zum neuen Buch gestellt. Seine Anworten und einen kleinen Vorgeschmack auf das Buch findest du hier:

Vielleicht hast du die Auswirkungen des Klimawandels schon selber gespürt und dir ist aufgefallen, wie Jahreszeiten sich immer mehr verschieben, oder wie heiß es an manchen Sommertagen mittlerweile ist. Eines ist dabei klar:  der Klimawandel ist nicht aufhaltbar, er ist da und wird weiter voranschreiten und immer mehr Menschen wissen das. In gewisser Hinsicht haben wir aber eine Wahl, wie stark er ausfallen wird.

Dennoch ist der Klimwandel eine Herausforderung die vielschichtig und komplex ist. In dem Buch „+2Grad“ beschreiben Helga Kromp-Kolb und Herbert Formayer komplexe Zusammenhänge und veranschaulichen sie mit Beispielen. Wenn du verstehen möchtest, welche Tragweite der Klimawandel hat, empfehle ich dir auf jeden Fall dieses Buch.

Seit den 1970er-Jahren ist die globale Mitteltemperatur der Erde um 0,5°C gestiegen. Warum macht eine scheinbar kleine Veränderung einen so großen Unterschied aus?

Die globale Mitteltemperatur ist eine robuste Messzahl, bei der weltweit Jahreszeiten, die Kalt- und Warmphasen, und weitere Faktoren berücksichtigt werden. Es handelt sich nicht um eine Temperaturmessung im herkömmlichen Sinne, sondern um viele Einzelmessungen, die in einem mathematischen Modell zusammengeführt werden.

Außerdem wird vor allem darauf geachtet, wie sehr die globale Mitteltemperatur von Referenzmessungen abweicht. Die globale Mitteltemperatur spiegelt somit den Energiegehalt in bodennahen Luftschichten wieder. Mit dem Ansteigen dieses Wertes wird klar, dass sich immer mehr Energie und somit auch Wärme in der Atmosphäre sammelt.

Seit 2,6 Millionen Jahren leben wir in einem Eiszeitalter, einem sehr instabilem Zustand des Klimas. Bei bisher beobachteten 0,1°C Schwankungen von Jahr zu Jahr, verglichen mit einem globalen Durchschnitt von 0,5°C, signalisiert die Messung damit deutlich eine Veränderung in einem sensiblen System, die sich auf die ganze Erde auswirkt.

Der Klimawandel ist also kaum zu leugnen. Warum gibt es noch immer Klimawandel-Skeptiker und worum geht es ihnen?

Hier muss man differenzieren zwischen Menschen, die sich unsicher fühlen oder nicht gut informiert sind, und Menschen die mit Absicht falsches Wissen streuen, um damit bestimmte Interessen zu verfolgen.

Man kann sich vorstellen, dass zum Beispiel Saudi Arabien die Unterstützung erneuerbarer Energie nicht will. Es besteht ein großes Interesse der Industrie fossiler Energien, den Klimawandel zu leugnen oder ihn klein zu reden. Es werden dabei Methoden verwendet, die auch schon die Tabakindustrie verwendet hatte, um Unsicherheiten zu verbreiten und damit politisch keine Maßnahmen gesetzt werden.

Sogenannte Lobbyisten vertreten die Interessen bestimmter Industriezweige. In der fossilen Energieindustrie wünscht man sich vor allem keine Einmischung des Staates. Es wird befürwortet, dass Probleme durch Angebot und Nachfrage am Markt gelöst werden könnten, und ein Weitermachen wie bisher möglich sei.

Das Problem ist allerdings, dass bei komplexen und globalen Herausforderungen, wie dem Klimawandel, nur weltweite Zusammenarbeit zielführend ist. Ein Beispiel wäre eine weltweite CO2 Mindeststeuer. Jene die CO2 intensive Produkte produzieren, würden somit mehr bezahlen.

Sie sprechen in Ihrem Buch auch von Folgen die kaum merkbar sind. Können sie Beispiele für solche nennen?

Der Klimawandel wirkt sich auf jeden Bereich aus. Egal ob es der Wintertourismus, die Landwirtschaft oder die einzelnen Individuen sind. Viele Folgen merken wir schon: wie Trockenheit, extreme Wetterereignisse oder Hitze. Doch währenddessen laufen auch viele Prozesse ab, die wir noch nicht wirklich wahrnehmen. Diese überraschen uns am Ende am Meisten, weil wir uns nicht darauf vorbereiten konnten.

Kirchen oder andere alte große Gebäude, die auch im Sommer eher kühl sind, neigen zum Beispiel bei der wärmeren Atmosphäre mit mehr Wasserdampf zu Schimmelbildung. Das könnte zahlreiche Kunstwerke und Denkmäler zerstören.

Ein weiteres Beispiel ist die Entflechtung von Ökosystemen. Immer mehr wärmeliebende Insekten schlüpfen früher im Jahr. Vögel allerdings sind noch an alte Rhythmen gewöhnt. Sie bekommen dann Probleme, wenn es darum geht, ihre Jungen zu ernähren.

Gibt es ein „zu spät“ in Sachen Klimawandel, und wenn ja, wann ist das?

Ja! Wir sollten vermeiden, dass die globale Mitteltemperatur um weitere 2°C ansteigt. Über diese Grenze hinaus dürften laut Experten die Folgen katastrophal sein.

Schon heute steht das Eisschild auf Grönland unmittelbar davor, komplett zu schmelzen. Die schrumpfenden Eisflächen führen zu mehr Energieeintrag und weiterer Erwärmung. Weißer Schnee schmilzt ausserdem besonders schnell, weil er kurzwellige Strahlung absorbiert und langwellige reflektiert.

Was sich unter diesem verbirgt ist dunkler Schnee. In ihm wurde unter anderem Kohlenstoff abgelagert. Dieser trägt bei einer Freisetzung  zusätzlich zu einer Verstärkung des Treibhauseffektes und der Klimaerwärmung bei.

All das führt im Endeffekt dazu, dass noch mehr Eis schmilzt und der Meeresspiegel steigt. Würde das gesamte Eis in Grönland schmelzen, dann wäre der Meeresspiegel um 6m höher.

Bisher wurden schon Ziele gesetzt, zum Beispiel beim Kyoto Protokoll oder dem Pariser Klimaabkommen im Jahre 2015. Selbst wenn wir diese erreichen, müssen wir von einer weiteren Erwärmung von 1,5°C ausgehen. Tun wir nichts, wird die globale Mitteltemperatur um 4-5°C steigen.

Können Sie mir den Unterschied zwischen Klimaschwankungen und dem Klimawandel erklären?

Es gibt viele natürliche Schwankungen des Klimas, die zum Beispiel auf den Wechselwirkungen des Ozeans mit der Atmosphäre beruhen, den Millankovich Zyklen oder el Niño. El Niño ist eine Anomalie des Luftdruckes und der Meeresoberflächentemperatur im südlichen Pazifik. Er beeinflusst zum Beispiel, durch die höhere Wassertemperatur einen veränderten Luftdruck und das führt zu extremeren Wetterereignissen. Das ist eine Schwankung die alle 2-3 Jahre auftritt.

Der Klimawandel geht aber über diese regelmäßigen Schwankungen hinaus. Denn die Temperatur auf der Erde erhöht sich weltweit, wodurch verschiedene ökologische Prozesse gestört werden. Das bringt neue Prozesse ins Rollen, während immer mehr Energie in die Atmosphäre vom Menschen eingebracht wird.

Man spricht hier vom menschenverursachten Klimawandel, dem seit Anfang der Industrialisierung immer mehr Schwung verliehen wurde. Es kann also durchaus dazu kommen, dass wir das Eiszeitalter verlassen. Doch der Übergang birgt große Herausforderungen und braucht Zeit, um sich umzustellen. Der Meeresspiegel wäre dann zum Beispiel um 80 bis 90 Meter höher.

Was hat das derzeitige Wirtschafts- und Finanzsystem mit dem Klimawandel zu tun?

Der Klimawandel ist ein Symptom für die Art und Weise, wie wir mit unseren Ressourcen umgehen. Dabei stützt sich das Wirtschaftssystem auf unendliches Wachstum auf einem Planeten mit begrenzten Kapazitäten.

Ein permanentes und exponentielles Wachstum kann also nicht funktionieren, denn die Natur kennt ihre Grenzen. Mit der wachsenden Bevölkerung steigt auch der Energie- und Ressourcenbedarf. Es kommt also darauf an, wie und worauf wir unser Wirtschaftssystem aufbauen. Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir die ökologische, soziale und ökonomische Stütze der Nachhaltigkeit in unserem Leben integrieren können.

Im Buch erwähnen Sie, dass es noch Sachen gäbe, die den Rahmen des Buches sprengen würden. Was wäre eine wichtige Sache, die im Buch zu kurz gekommen ist?

Als Wissenschaftler haben wir versucht, möglichst viel anzusprechen, alle Verbindungen und Komponenten, die mit dem Klimawandel einhergehen und  relevant sind, hervorzuheben. Wir wollten ein verständliches Buch schreiben, dass man gerne in die Hand nimmt, ohne von der Menge an Information erschlagen zu werden.

Was wir dadurch allerdings weglassen mussten, waren weitere Verweise und Erklärungen, so wie wir es eigentlich von unseren wissenschaftlichen Publikationen gewohnt sind. Das hätte allerdings die Lesbarkeit erschwert. Unsere Leser müssen uns in dieser Hinsicht glauben, dass wir gut recherchiert haben und alles belegen können.

Was ist Klimagerechtigkeit und welche Rolle tragen wir als der „reiche Westen“?

Seit mehr als 20 Jahren gibt es Verhandlungen, wie der Klimaschutz gestaltet werden soll. Kein Mensch hat mehr Rechte die Atmosphäre zu verschmutzen als ein Anderer. Wir sollten also darauf hinsteuern, dass wir ca. alle gleich wenig Treibhausgase emitieren.

Allerdings gibt es noch immer Ungleichheiten und eine größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich. Entwicklungsländer haben so zum Beispiel das Recht auf eine wirtschaftliche Entwicklung. China war bis zu den 1980er Jahren ein Land, das wenig emittierte. Mit der wirtschaftlichen Öffnung und einer Kohle-intensiven Energiewirtschaft stiegen die Emissionswerte und heute ist der Pro-Kopf Emissionsausstoß höher als bei uns.

Es sollte uns gelingen, nachhaltige Systeme und einen Lebensstilwandel zu schaffen, den dann alle nachmachen wollen; sodass wir weltweit eine Decarbonisierung erreichen.

Sie ermutigen in Ihrem Buch selbst aktiv zu werden. Worauf sollten wir uns als Individuen konzentrieren um den Klimawandel positiv zu beeinflussen?

 

Das wichtigste ist, dass wir uns über die Veränderung des Klimas bewusst werden und, dass es so nicht weitergehen kann. Der nächste Schritt ist, den eigenen Lebensstil zu hinterfragen. Egal, ob es im Bereich Energie, Mobilität oder der Ernährung ist. Wir sollten es schaffen, möglichst wenig Individualverkehr zu haben und zu hinterfragen wie oft wir fliegen müssen, da das sehr CO2 intensiv ist. Das muss sich Jeder und Jede selbst überlegen.

Am Land sollten deshalb Ortskerne wiederbelebt werden. Damit kann man die Abhängigkeit von Autos minimieren. In der Stadt sollte es möglich sein, so gut wie möglich auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen. Für solche Veränderungen braucht es aber sicherlich den Einsatz der Raum und Stadtplanung.

Oft gehen mit einem nachhaltigen Lebensstil auch andere positive Aspekte einher. So ist eine Ernährung mit reduzierter Menge an tierischen Produkten nicht nur für die Umwelt, sondern auch für den Menschen besser. Oder die Art und Weise, wie wir uns fortbewegen. Studien zeigen, dass immer weniger Menschen zu Fuß gehen. Bewegung wäre dabei aber nicht nur gut für unseren Körper, sondern auch für die Welt.

Sie sprechen in Ihrem Buch von einem guten Leben für alle. Was ist damit gemeint?

Ich denke, die 17 nachhaltigen Entwicklungsziele der UNO spiegeln wieder, was mit einem guten Leben für alle gemeint ist. Es geht darum Menschen mit Basisfunktionalitäten auszustatten, und Menschenrechte angemessen zu berücksichtigen. Wasser, Strom und Nahrung sollte jeder Mensch für die individuelle Entwicklung haben.

Wenn die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird, entsteht dadurch ein größeres Konfliktpotential, und das kann dramatische Folgen haben. Denn die sogenannten „sustainable development goals“ sind nur gemeinsam erreichbar.

Foto: countries.diplomatie.belgium.be

 

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