Der Wald im Wandel – ein Interview mit Rektor Hubert Hasenauer

Die Wälder dieser Erde unterliegen weltweit einem Wandel. Doch wie geht man mit den fortschreitenden Veränderungen um? Dieser und weiteren Fragen widmet sich die IUFRO (International Union of Forest Research), das einzige globale Netzwerk für forstwissenschaftliche Zusammenarbeit. Ganz nach dem Motto: Wälder, Wissenschaft und Menschen zu verbinden, trafen sich von 29. September bis 5 Oktober 2019 in Curitiba, Brasilien, 2000 WissenschafterInnen aus der ganzen Welt, um über die Zukunft der Wälder zu diskutieren. Hubert Hasenauer war vor Ort und hat mir in diesem Interview mehr über den Kongress und die aktuellen Herausforderungen der Forstwirtschaft erzählt.

Die International Union of forest Research Organisations

IUFRO, die „International Union of forest Research Organisations“ hat sich zum Ziel gesetzt, wissenschaftlich fundierte Lösungen für forstbezogene Herausforderungen weltweit zu fördern. Um das zu erreichen, arbeiten 15.000 WissenschafterInnen aus über 100 Ländern und verschiedenen Disziplinen ehrenamtlich an Problemen und ihrer Bewältigung. Alle fünf Jahre findet der internationaler Kongress der IUFRO statt. Bei dieser Veranstaltung werden Lösungsansätze präsentiert und Erfahrungen ausgetauscht. 2019 fand der Kongress in Curitiba in Brasilien statt.

Hubert Hasenauer ist nicht nur Rektor der Universität für Bodenkultur Wien, und Professor für Waldökosystemmanagement, sondern auch Mitglied des IUFRO Boards. Fragen wie: Welche Bedeutung der Wald in seinem Leben hat, wie der Kongress abgelaufen ist und welche Herausforderungen die Forstwirtschaft zu meistern hat, liest du jetzt:

Was bedeutet Wald für Sie und hat sich diese Definition im Laufe Ihres Lebens verändert?

Hubert Hasenauer: Für mich ist Wald ein bestimmtes Lebensgefühl. Wald weckt Emotionen und er verlangsamt den Alltag. Die Kraft der Natur, sowie jeder einzelne Baum verdeutlichen, wie langfristig wir denken müssen, wenn wir über den Sinn des Lebens reden.

Schon als Kind war ich viel im Wald, gemeinsam mit meinem Vater, der Förster war. Dadurch waren Wälder immer ein großes Thema für mich. Ich verbinde damit ein gewisses Wohlgefühl und die Aufenthalte in der Natur haben sicher auch meine Sinne geschärft. Wald ist für mich ein Rückzugsort und erinnert mich daran, was im Leben wirklich wichtig ist.

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Wie kann man sich den 25. Weltkongress der IUFRO vorstellen und was war Ihre Rolle vor Ort?

Beim Kongress widmen sich 9 Divisions, die sich wieder aus einzelnen Arbeitsgruppen zusammensetzen, aufkommenden Schlüsselfragen, die für politische Entscheidungsträger und Gruppen innerhalb und außerhalb des Forstsektors von großem Interesse sind.

Der Kongress bietet die Möglichkeit für Treffen, den Austausch von Ideen und das Präsentieren neuer Erkenntnisse in Bezug auf die Wälder auf dieser Erde.

Ich bin Mitglied des IUFRO Boards und war für Österreich vor Ort, da bei der Besetzung auf regionale, aber auch fachliche Vielfalt geachtet wird. Über die Jahre war eine meiner Aufgaben Arbeitsgruppen zu leiten.

Was waren die zentralen Inhalte, die besprochen wurden beim IUFRO Kongress?

Das IUFRO Board kann keine bestimmten Inhalte vorgeben. Da die einzelnen Gruppen selbst bestimmen, welche Themen sie bearbeiten möchten. Themen, die uns aber äußerst wichtig erscheinen sind: der Wald im Klimawandel, Wald und Risiko, sowie der Wald und seine Rolle im globalen Kohlenstoffkreislauf, mit Fokus auf die Aufforstungsprogramme. Wir untersuchen dann, welche sozialen, ökologischen und ökonomischen Auswirkungen mit solchen Maßnahmen einhergehen.

Denn die große Sorge von uns Waldleuten ist die Reduktion der Waldfläche. Man darf nie vergessen: Europa ist der einzige Kontinent, wo die Waldfläche in den letzten 50 bis 70 Jahren zugenommen hat. Auf allen anderen Kontinenten nimmt die Waldfläche ab. Am stärksten in Asien und Afrika.

Was sind die Gründe für das Schwinden der Wälder?

Der Hauptgrund ist die Bevölkerungsexplosion. Denn damit geht ein erhöhter Energieverbrauch und vor allem, der Bedarf an landwirtschaftlicher Fläche für die Ernährung der steigenden Bevölkerung einher. Landnutzungsänderungen wirken sich auf die Biodiversität aus, aber spielen auch eine Rolle im Klimawandel:

Im Laufe ihres Lebens speichern Bäume CO2. Wenn sie gefällt und verbrannt werden, wird all das gespeicherte CO2 wieder freigesetzt und leistet damit einen Beitrag zum globalen Treibhauseffekt. Wir gehen davon aus, dass 10-15% der weltweiten Emissionen auf Landnutzungsänderungen zurück zu führen sind. Doch mit landwirtschaftlicher Nutzung kann dieses CO2 niemals kompensiert werden. Meiner Meinung nach ist das ein sehr wichtiger Punkt, der auch medial nicht ausreichend behandelt wird.

Die Bevölkerungsexplosion, neben dem Energiehunger, sind ein Riesenproblem, aber nicht überall gleich groß. Boreale Zonen oder auch temperierte Zonen wie wir sie hier in Europa finden, sind eher dünn besiedelt. Rund um den Äquator gibt es allerdings starke Bevölkerungszuwächse und hier nimmt auch die Waldflächen stark ab. In tropischen Wäldern findet man zugleich auch die sensibelsten Böden. Ist der Wald einmal gerodet, kommt es zu Erosion und wichtige Nährstoffe werden ausgewaschen. Aufgrund dieser Degradierungseffekte ist es extrem schwer diese Wälder wieder aufzuforsten.

Welche gesetzlichen Maßnahmen könnten die Ausbeutung der Wälder verhindern?

Gesetzliche Maßnahmen hängen immer stark von den einzelnen Staaten ab. Die EU hat versucht so etwas wie ein Zertifizierungsprogramm zu etablieren. Dabei bekommen nur Länder den Marktzugang zur europäischen Union, wenn sie nachweisen können, dass das Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft kommt. Die Idee war gut, es scheitert allerdings an der Rückverfolgung. Denn sie ist stark von den gesetzlich implementierten Regelungen der jeweiligen Länder abhängig. Da spielt auch Korruption eine große Rolle.

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Welche Rolle spielt Brasilien in diesem Zusammenhang?

Brasilien ist ein interessantes Land, weil es auf Grund der Größe unterschiedliche klimatische Zonen und damit waldwirtschaftliche Fragestellungen abdeckt. Wenn wir von Brasilien reden denken die meisten an den Amazonas. Im Amazonasgebiet selbst spielt klassische nachhaltige Forstwirtschaft keine große Rolle, weil er als Tropenwald geringe Zuwächse hat und damit wenig lukrativ ist. Tropenwälder haben in etwa ein Drittel des Flächenzuwachses als etwa Wälder in den temperierten Zonen der Erde. Die Gefahr ist allerdings so wie in allen Tropenwälder, die Exploitation, also die nicht nachhaltige Nutzung einiger weniger, aber wertvoller Hölzer.

Wichtig ist mir zu betonen: wir von der IUFRO setzen uns  vor allem für nachhaltige Waldwirtschaft ein. Was man in den Tropen findet, ist häufig eine Ausbeutung der Wälder.

Die Gefahr der tropischen Regenwälder entsteht also durch die Umwandlung zu landwirtschaftlichen Flächen und durch die Nutzung alter Bäume mit wertvollem Holz, welches großes ökonomisches Interesse weckt. Für Ökosysteme ist die Entnahme sehr schädlich, weil die Bäume oft mit Knickschleppern transportiert werden müssen. Damit zerstört man zwar nicht so viel wie bei einer kompletten Umwandlung, richtet aber trotzdem großen Schaden an, der oft ignoriert wird.

Regenwald in Brasilien (pixabay)

Für landwirtschaftliche Flächen werden die Urwälder großflächig angezündet. Wobei ich betonen möchte, dass Waldbrände in den Tropen im Prinzip etwas völlig Natürliches sind. Das hat auch nicht unbedingt etwas mit dem Klimawandel zu tun, sondern ist Teil des natürlichen Sukzessionsprozesses, also dem Wandel der Artenzusammensetzung. Erst dadurch können bestimmte Baumarten wachsen.

In Brasilien allerdings werden Waldbrände durch Brandlegung massiv verstärkt, um auf diese Art und Weise Flächen verfügbar zu machen. Das nimmt Dimensionen an, die man nicht einfach nur zur Kenntnis nehmen kann. Diese Praktiken zerstören die Wälder für lange Zeit und hier fehlt es vor allem an Verständnis für die Relevanz dieser Ökosysteme und an Know-How.

Im Süden Brasiliens hingegen, welcher klimatisch der temperierten Zone näherkommt, gibt es große geregelte Aufforstungsprogramme der Forstwirtschaft. Dort werden entlegene Gegenden mit wirtschaftlich interessanten Baumarten bewaldet. Diese zwei Gebiete müssen meiner Meinung nach ganz stark unterscheiden werden.

Warum zerstören wir Menschen unsere eigene Lebensgrundlage?

Um diese Frage zu beantworten möchte ich das westafrikanische Land Gabon als Beispiel nennen. Ich war selbst vor Ort und habe gesehen, wieviel unberührte Natur es dort gibt. Gabon ist eher dünn besiedelt und durch die Erdölvorkommen direkt vor der Küste kein armes Land.

Mit dem Bevölkerungszuwachs und dem Rückgang der Erdölproduktion fehlt es allerdings langsam an Einnahmequellen. Auf was kommen die Menschen dann? Genau: auf Wälder. Eine Ressource, die hier noch im Überfluss vorhanden ist. Wir haben versucht, den Menschen dort nachhaltige Waldwirtschaft näher zu bringen. Das Interesse hielt sich allerdings in Grenzen. Bei Gütern, die reichlich vorhanden sind, fehlt den Menschen das Verständnis, damit sorgsam umzugehen. Deshalb müssen wir den Menschen klar machen, was es bedeutet, wenn solche Flächen zerstört werden.

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Ein anderes Beispiel ist Äthiopien: Hier wollen die Menschen prinzipiell auf nachhaltige Forstwirtschaft umsteigen. Doch vor allem in dicht besiedelten Gebieten wie Äthiopien verschärft sich diese Problematik. Mit dem Bevölkerungszuwachs steigt auch der Bedarf an Nahrung. Oft mangelt es an der nötigen Fläche um all diese Ziele zu vereinen.

Man darf nicht vergessen: Für viele geht es um das nackte Überleben und wenn man hungrig ist und nichts zu essen hat, interessiert man sich für Naturschutz wenig. Wir Europäer müssen uns bewusst sein, dass für viele Menschen Naturschutz und nachhaltiges Denken ein Luxusproblem ist. Man sagt ja nicht umsonst den Spruch „Forests deal with people and not with trees“. Kurz es geht um das soziale Umfeld

Der nachhaltige Umgang mit Wäldern ist also immer vom Willen der Staaten abhängig. Aus meiner Sicht ist unser großes Ziel, dass erstens bestehende Systeme erhalten werden und den Leuten klar gemacht wird, welcher Schaden durch unkontrollierte Waldwirtschaft entsteht. Und zweitens, dass bereits zerstörte Flächen systematisch rekultiviert und aufgebaut werden.

Auch wenn dieser Sommer von vielen Negativ-Nachrichten bezüglich „Wald“ geprägt war, haben Sie vielleicht auch positive Neuigkeiten für uns?

Ja, auf jeden Fall. In ganz Europa nimmt die Waldfläche zu. In Österreich sind es in etwa 5000 Hektar pro Jahr. Wir sind in Sachen Waldwirtschaft sicher nachhaltig unterwegs. Das kann klar gesagt werden, denn das spiegeln auch alle Daten und Fakten wieder. Wir nutzen wesentlich weniger Holz als zuwächst. Ursache dafür ist vor allem, dass Holz nicht mehr unsere Hauptenergiequelle ist, sondern ein Umstieg auf zum Beispiel Wasserkraft und fossile Energieträger erfolgt ist. Man kann auch sagen, dass unsere Wälder durch die Verwendung von fossilen Energieträgern wie Kohle, Erdöl und Erdgas entlastet wurden. Vorteil war, dass sie leichter zu transportieren sind und eine höhere Energieeffizienz aufweisen. Diese Entlastung wird aber durch die ansteigenden CO2 Emissionen und der damit einhergehenden Klimaveränderung zunehmend zu einer Belastung für den Wald. Das wusste man aber damals noch nicht.

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Wälder sind Wirtschaftsfaktor, Lebensraum und Klimahelden. Wie sind diese Bereiche vereinbar?

Mit einem Wort: nachhaltige Waldwirtschaft. Genau das ist das Ziel von uns Forstleuten. Dazu muss ich sagen, der Begriff Nachhaltigkeit kommt ja auch aus der Forstwirtschaft. Hans Carl von Carlowitz gilt als Begründer der Nachhaltigkeit. Er wies darauf hin, dass immer nur so viel Holz geschlagen werden darf, wie wieder nachwachsen kann.

Dieses Denken entstand, weil im Bergbau der Energiebedarf sehr groß war und Holz der einzige Energielieferant. Ohne Holz konnte kein Bergbau stattfinden, und so musste man sich Gedanken über eine nachhaltige Holzproduktion machen.

Wie hat Sie Ihr Beruf geprägt?

Wir Forstleute sind durch die traditionelle Sichtweise der Nachhaltigkeit stark geprägt und es ist tief in uns verankert, zu erhalten, zu schützen und nicht mehr zu entnehmen, als wieder nachwachsen kann. In der Waldwirtschaft gibt es keine kurzfristige Planung: Böden müssen erhalten werden und einzelne Bäume brauchen lange, bis sie gewachsen sind.

Allein ein Baum hat eine physiologische Lebensdauer von ca. 400 Jahren. Wenn wir Bäume entnehmen, sind sie noch relativ jung, also 100 bis 150 Jahre alt. Für ein Menschenleben ist das aber eine lange Zeit. Denn für diesen einen Baum bräuchte man drei Generationen an Forstleuten: der erste pflanzt, der zweite pflegt und der dritte erntet. Diese Denkweise finden Sie in keiner Industrie. Normalerweise geht es um Investment und Return on Investment, am besten sofort. Damit tun wir Forstleute uns schwer und genau das langfristige Denken ist für mich die Stärke der Forstleute.

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Wenn wir Forstleute von Nachhaltigkeit sprechen, denken wir daran, wie viel Wald uns zur Verfügung steht und wie er zuwächst. Dann zieht man eine bestimmte Reserve ab, weil sie nicht nutzbar ist. Das was übrig bleibt ist der Hiebsatz, also das Volumen, das wir nutzen können, ohne das Ökosystem zu stören.

Ich persönlich habe ein Problem mit dem Begriff „nachhaltiges Wachstum“. Das gibt es nicht! Würde das umgesetzt werden, müssten Bäume in den Himmel wachsen. Ich meine, es kann auch kein „nachhaltiges“ Wirtschaftswachstum geben. Wo soll das denn hinwachsen?

Sie scheinen beruflich viel unterwegs zu sein. Darunter sind auch Länder wie Brasilien, die Sie wahrscheinlich mit dem Flugzeug bereisen müssen. Machen Sie sich Gedanken über die Auswirkungen des Fliegens und wann ist es für Sie in Ordnung?

Natürlich mache ich mir Gedanken. Für jede Flugreise von MitarbeiterInnen der Universität für Bodenkultur zahlen wir einen bestimmten Prozentsatz für Aufforstungsprojekte.

Ich persönlich habe das Fliegen, so gut es geht, aus zwei Gründen eingeschränkt: Zum einen, weil es eine ethisch moralische Frage ist, und zweitens war ich in meinem Leben schon ziemlich viel unterwegs. Irgendwann hat man dann auch keine Lust mehr.

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Ich halte es allerdings für wichtig: wenn man eine Flugreise macht, sollte man sich vor Ort Zeit nehmen und etwas mit sozialer oder ökologischer Bedeutung machen. Damit habe ich zumindest eine moralische Rechtfertigung warum ich geflogen bin. Ökologisch gesehen habe ich damit trotzdem etwas nicht so Gutes gemacht; aber ich habe zumindest vor Ort einen Beitrag geleistet und Menschen in irgendeiner Weise geholfen.

Kein Verständnis habe ich für Wochenend-Trips: diese sind für mich ethisch-moralisch schwer nachvollziehbar. Aber wenn ich mir zum Beispiel die Mühe mache, äthiopischen Studenten vor Ort zu zeigen, wie sie Wald nachhaltig bewirtschaften können, habe ich zumindest dort etwas bewirkt. Dazu möchte ich auch sagen: man kann niemanden nachhaltige Waldwirtschaft beibringen, ohne dass die Betroffenen sehen, wie sie vor Ort funktionieren kann. In solchen Fälle finde ich eine Flugreise schon sinnvoll.

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