Tierversuche in der medizinischen Forschung – ein Interview mit Dr. Dilyana Filipova

In Deutschland stirbt alle zehn Sekunden ein Tier bei einem Tierversuch. Ich wollte verstehen, ob es Tierversuche noch braucht, wie effizient sie sind und welche Alternativen es gibt. Deshalb habe ich  Dr. Dilyana Filipova, vom Verein Ärzte gegen Tierversuche, ein paar Fragen gestellt. Hier sind meine Fragen und ihre Antworten: 

1.) Warum sind Alternative Methoden wie Zell-Chips noch nicht die Regel, sondern die Ausnahme?

Ein wichtiger Grund dafür ist, dass leider die tierversuchsfreie Forschung seit Jahren kaum finanziert wird. In Deutschland werden jährlich über 4 Mrd. Euro der öffentlichen Fördergelder für biomedizinische Zwecke für die Durchführung von Tierversuchen verwendet. Im Gegensatz dazu, nur 20-25 Mio. Euro für die tierversuchsfreie Forschung. Prozentual entspricht das einem Anteil von über 99% für Tierversuche vs. weniger als 1% für die tierversuchsfreie Forschung.

Weltweit sind diese Zahlen leider vergleichbar. Eine Studie zeigte, dass die Förderung der tierversuchsfreien Methoden in den einzelnen EU-Ländern, zwischen 0 und 0.036% des Forschungsbudgets, des jeweiligen Landes entspricht. Diese mangelhafte Förderung verlangsamt die Entwicklung und Umsetzung dieser Methoden und zwingt teilweise die Forscher, Tierversuche für ihre geplanten Projekte zu beantragen, um besser gefördert zu werden.

Noch ein wichtiger Grund für die nicht ausreichende Verwendung der neueren tierversuchsfreien Methoden wie Multiorgan Chip Systeme ist, dass sie relativ neu sind und die meisten Forscher mit diesen Technologien noch nicht vertraut sind. Wissenschaftler, die Ihre Karriere über Jahrzehnte auf Tierversuche aufgebaut haben, sind häufig nicht bereit, auf tierversuchsfreie Testmethoden umzusteigen. Auch wenn sie die menschliche Biologie viel besser wiederspiegeln. Und zuletzt gibt es viele große Unternehmen die von den Tierversuchen direkt profitieren, wie z. B. Labor Tierzüchter und Firmen, die Geräte und Utensilien für die Tierversuche produzieren. Diese haben eine starke Lobby, die gegen den Ersatz von Tierversuchen durch tierversuchsfreien Methoden kämpft.

2.) Kann man von artgerechter Tierhaltung bei Versuchstieren sprechen?

Nein. Die Tiere, die für Versuche benutzt werden, verbringen ihr ganzes Leben in sehr engen, kahlen Käfigen und in einer komplett künstlichen Umgebung, die keineswegs als „artgerecht“ bezeichnet werden kann. Alles wird standardisiert und einheitlich gehalten – die künstliche Beleuchtung, die Lüftung und der Tag-Nacht-Rhythmus.

Die Tiere bekommen jeden Tag genau das gleiche Futter und Wasser. Vor allem bei Nagetieren teilen sich mehrere Tiere einen engen Käfig, was häufig Aggression und Verletzungen unter den Tieren verursacht. Manchmal werden soziale Tiere wie Hunde, Kaninchen und Mäuse alleine gehalten, was zu deutlichen psychischen und geistlichen Störungen führt.

Bei Mäusen und Ratten, welche die am meisten benutzten „Versuchstiere“ sind, sind die Käfige so eng, dass die Ausführung einiger natürlichen Bewegungen, wie graben und buddeln, nicht möglich ist. Selbst wenn man z. B. eine Maus oder eine Ratte als Haustier hat, ist es undenkbar die Tiere unter denselben Bedingungen zu halten, die in den Versuchstierhaltungen üblich sind.

3.) Wie zuverlässig sind die Ergebnisse aus Tierversuchen, wenn sie auf den Menschen übertragen werden?

Die Ergebnisse aus Tierversuchen können überhaupt nicht zuverlässig auf den Menschen übertragen werden und können keine vernünftige Vorhersage machen, ob der Mensch auf irgendetwas bestimmtes,  wie das Tier reagieren wird, oder nicht.

Bei der Medikamentenentwicklung z. B. scheitern ca. 95 % aller Medikamentenkandidaten, die sich im Tierversuch als wirksam und sicher erwiesen haben, in den darauffolgenden Studien mit Menschen. Vor allem, weil sie bei Menschen nicht funktionieren oder zu hochgradigen Nebenwirkungen führen.

Der Grund dafür ist, dass unzählige biologische Parameter bei Menschen und Tieren unterschiedlich sind und, dass man im Tierversuch nicht die echten menschlichen Krankheiten, sondern künstlich hervorgerufene Krankheitssymptome untersucht (z. B. Tumore werden jungen, gesunden Mäusen transplantiert, was mit den komplexen Prozessen der Tumorentwicklung bei Menschen nichts zu tun hat).

4.) Wie sinnvoll sind Tierversuche in der Grundlagenforschung und warum ist die Grundlagenforschung an Tieren so wichtig?

Die Tierversuche sind in der Grundlagenforschung nicht nur sinnlos, sondern auch kontraproduktiv und gefährlich, weil man falsche Schlussfolgerungen über den menschlichen Körper und die menschlichen Krankheiten macht. Das führt häufig dazu, dass die weiteren Entwicklungen, die auf diesen falschen Schlussfolgerungen basieren, nutzlos oder sogar schädlich für den Menschen sein können.

So zeigte eine Studie z. B., dass die Eingabe von Viagra bei schwangeren Ratten die Überlebensrate der Jungtiere verbesserte. Als Viagra im Jahr 2018 schwangeren Frauen, im Rahmen einer niederländischen Studie gegeben wurde, starben 19 Babys, weil ihre Lungenentwicklung von Viagra beeinträchtigt wurde. Mehrere Übersichts-Studien, die die Anwendbarkeit von Tierversuchen in der Grundlagenforschung analysiert haben, zeigen, dass weniger als 1% der gewonnenen Daten überhaupt einen Zusammenhang zu einer praktischen Situation bei Menschen, wie z. B. eine klinische Anwendung, haben. Selbst dann führen sie häufig nicht zu einer Therapie oder einem Medikament.

5.) Was spricht gegen den Einsatz von Alternativmethoden?

Die tierversuchsfreien Methoden sind weltweit rasant im Vormarsch. Es werden immer mehr komplexe, vielversprechende, menschen-relevante tierversuchsfreie Methoden entwickelt und für die praktische Anwendungen benutzt. Wie z. B. um die Giftigkeit von Wirkstoffen zu untersuchen.

Um eine Übersicht solcher innovativen, tierversuchsfreien Methoden zu schaffen, haben wir, Ärzte gegen Tierversuche, die zweisprachige NAT-Datenbank (NAT = Non-Animal Technologies, ins Leben gerufen, in der hunderte tierversuchsfreie Methoden zusammengefasst sind.

Was den Einsatz von diesen Methoden beschleunigen kann, ist eine deutlich bessere Förderung und eine Verbreitung der Informationen, welche tierversuchsfreie Methoden schon existieren. Manche Tierversuche, die sogenannten regulatorische Tierversuche, werden gesetzlich vorgeschrieben und müssen für die entsprechenden Zwecke durchgeführt werden, auch wenn es mittlerweile bessere tierversuchsfreie Methoden für diese Zwecke gibt.

Bei solchen Tierversuchen müssen die tierversuchsfreien Ersatzmethoden erstmal von mehreren Ämtern ausgewertet und akzeptiert werden, was mehrere Jahre dauern kann. Die Tierversuche, die dadurch ersetzt würden, mussten sich aber nie bei solchen strengen Prozessen beweisen.

6.) Ist Forschen ohne Tierversuche möglich, ohne Menschenleben zu gefährden?

Nur durch eine tierversuchsfreie Forschung ist es möglich, Menschen nicht zu gefährden. Denn die Ergebnisse aus Tierversuchen täuschen häufig eine Sicherheit vor, die nicht existiert. EU-weit sterben rund 200.000 Menschen jährlich an den Nebenwirkungen von tierversuchserprobten Medikamenten.

In Deutschland benötigen jährlich ca. 193.000 Menschen wegen Nebenwirkungen von Medikamenten einen Krankenhausaufenthalt, was das Gesundheitssystem mit ca. 434 Millionen Euro belastet. Im Gegensatz dazu, können bereits einige dieser Nebenwirkungen, die man im Tierversuch nicht gefunden hat, tierversuchsfrei in menschlichen Mini-Organen zuverlässig nachgewiesen werden. Zusätzlich ist die Datenerfassung mittels solcher tierversuchsfreien Methoden viel schneller und günstiger als jene von Tierversuchen, was eine enorme Bedeutung für die Patienten hat.

7.) Warum gehören Tierversuche noch nicht der Vergangenheit an?

Viele Forscher haben ihre ganze Karriere auf Tierversuche aufgebaut und möchten nicht auf Tierversuche verzichten, weil sie damit vertraut sind und sich mit den neuen tierversuchsfreien Methoden nicht ausreichend auskennen.

Die Tierversuche werden außerdem, wie gesagt sehr gut finanziert. Hinter den Tierversuchen steht auch eine Milliardenschwere Industrie, die alles von „Versuchstieren“ (eine genetisch modifizierte Maus kann bis zu €80,000 kosten) bis Laborausrüstung bietet und eine starke Lobby Pro-Tierversuche betreibt. Rein wissenschaftlich gehören aber Tierversuche schon längst der Vergangenheit an, da sie keine zuverlässige Informationen für den Menschen liefern.

Noch mehr über Tierversuche und die Alternativen findest du Hier.

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