Wien im Hitzestress – Wie sich die Stadt an die Klimakrise anpassen kann

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Die Klimakrise treibt die Temperaturen in der Hauptstadt Österreichs schon heute nach oben und zahlreiche Menschen werden unter der Hitze leiden. Was kann Wien also tun, um sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen?

Schon seit März staut sich die Hitze über Indien und Pakistan. Bis zu 50° Celsius wurden gemessen und laut einer aktuellen Studie sind Megahitzewellen wie diese durch den Klimawandel 30-mal wahrscheinlicher geworden.

Vor allem der ärmere Teil der Weltbevölkerung leidet unter den Folgen der Klimakrise. Doch man muss nicht nach Indien schauen, um zu erkennen, dass die Klimakrise unsere Existenz bedroht.

Auch reichere Länder wie Österreich, die mehr zur Klimakrise beigetragen haben, müssen sich den Herausforderungen, die mit Hitze einhergehen, stellen.

Was bedeutet Klimawandel Anpassung?

Klimaschutz Maßnahmen zielen darauf ab, eine zusätzliche Erwärmung zu vermeiden und den Ausstoß von Treibhausgasen zu minimieren. Gelangt aber beispielsweise das Treibhausgas CO2 in die Atmosphäre, bleibt es dort zwischen 300 und 1000 Jahren und heizt den Planeten auf.

Selbst wenn wir Klimaschutz ernst nehmen, sind manche Folgen wie häufigere Hitzewellen, nicht mehr vermeidbar. Bei Klimawandel Anpassung geht es deshalb um jene Maßnahmen, die uns vor den Folgen der Klimakrise schützen und unsere Lebensqualität verbessern.

Womit müssen wir rechnen?

Im Vergleich zur vorindustriellen Zeit (1850-1900) hat sich Österreich bereits um 2°Celsius erwärmt. Das ist mehr als das globale Mittel von ca. 1,2 Grad Celsius. Gründe dafür sind die Lage nahe den Alpen und die großen Landmassen, die sich schneller erwärmen als Ozeane. Besonders in Tallagen ist die Zunahme der Temperaturen höher. 

Laut dem Meteorologen Mag. Matthias Ratheiser, von der Forschungseinrichtung „Weatherpark“, werden wir das international angepeilte Ziel von einer maximalen mittleren Erwärmung von 1,5 Grad wohl nicht erreichen. „Global werden wir mindestens zwei bis zweieinhalb Grad Celsius Erwärmung bekommen. Für Wien bedeutet das, dass es längere und häufigere Hitzewellen geben wird und, dass die Stadt klimatisch ans Mittelmeer wandert. Bis Ende des Jahrhunderts könnte es zu einer mittleren Temperaturzunahme von plus vier oder fünf Grad kommen. Was das für das tägliche Wetter bedeutet ist ein anderes Kapitel.“

Klimawandelanpassung in Wien

Wien habe laut dem Klimawissenschaftler Dr. Herbert Formayer von der Universität für Bodenkultur Wien folgendes Problem: „Wien ist eine Stadt, die schon im 19. Jahrhundert gewachsen ist. Damals wurden die Städte sehr Raum sparend gebaut, um die Mobilität mit öffentlichen Verkehrsmitteln, wie Straßenbahnen, sicher zu stellen. In diese enge Stadt hat man dann die Autos hinein gequetscht. Damit fehlt der Platz für grüne oder blaue Infrastruktur, welche aber für die Hitzereduktion sehr wichtig wären. Das ist ein massives Problem, weil diese alte Baustruktur nicht so leicht zu verändern ist.“

Es gibt also viel zu tun und die Stadt Wien hat sich auch einiges vorgenommen. Im 148 Seiten langen Wiener Klimafahrplan beschreibt die Stadtregierung, was sich in den nächsten Jahren ändern soll. Anpassungsmaßnahmen müssen und können laut Experten auf folgenden Ebenen umgesetzt werden:

  1. Lokale Maßnahmen: Sprühnebel, Fassadenbegrünung und Co.

Über 30 Prozent der Fläche Wiens ist stark verbaut. Orte mit wenig Bäumen und viel Beton oder Asphalt erwärmen sich schneller, weil sie Wärme speichern, die nachts an die Umgebung abgegeben wird. Dadurch können wir uns auch beim Schlafen nicht von der Hitze erholen. Bis 2099 könnten wir durch die Hitze bis zu 58 Stunden Schlaf pro Jahr und Person verlieren.

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Ein Beispiel für so einen Hitze Hotspot ist der Austria Campus beim Praterstern. Kleine Bäumchen sind hier umgeben von Beton. An Orten wie diesen, kann es zu einer gefühlten Temperatur von bis zu 65 Grad Celsius kommen.

„Da wo der Raum zu eng ist, um Bäume zu pflanzen und Grünflächen zu schaffen, müssen wir auf technische Maßnahmen zurückgreifen“, schildert der Landschaftsplaner Dipl. -Ing. Jürgen Preiss von der MA 22 Wien. Damit sind Beschattungsmaßnahmen gemeint, aber auch Sprühnebelanlagen, Trinkbrunnen, Fassadenbegrünungen oder hellere Böden, die sickerfähig sind und weniger Wärme speichern. „Die Fassadenbegrünung am MA 48 Gebäude sorgt zum Beispiel dafür, dass bis zu vier ein halb Liter Wasser pro m2 verdunsten. Somit wird Wärme aus der Umgebung entzogen“, erklärt Jürgen Preiss.

Wien wächst weiter und vor allem in Stadterweiterungsgebieten müssen Anpassungsmaßnahmen von Beginn an mitgedacht werden. Denn laut Herbert Formayer sind Maßnahmen wie Nebelduschen nicht die effektivste Maßnahme: „In Zeiten wie diesen sollte man massiv versiegelte Flächen deshalb grundsätzlich vermeiden. Aus meiner Sicht wäre ein „Climate Proofing“ schon lange nötig. Bevor größere Investitionen geplant werden, muss verpflichtend nachgewiesen werden, dass das Projekt in Hinblick auf Klimaschutz und Anpassung keine Nachteile generiert.“

2. Grünräume und Kaltluftverbindungen erhalten

Wer im Sommer schon einmal durch den Wiener Prater spaziert ist weiß, wo Abkühlung zu finden ist. Mehr als 50 Prozent der Fläche Wiens besteht aus Grünraum. Das macht die Stadt nicht nur lebenswerter, sondern schützt uns auch vor Hitze.

Denn das Phänomen des Wärmeinseleffekts (Urban Heat Island) wird vor allem in Städten spürbar. Damit ist gemeint, dass es auch nachts nicht abkühlt und die bodennahen Lufttemperaturen im Vergleich zu ländlichen Gebieten höher sind. In Städten staut sich die Hitze also besonders. Vor allem gegen diese Hitzeinseln brauche es laut Experten großräumige Maßnahmen, wie Parks, Wälder und Wiesen, damit es nachts abkühlen und sich unsere Körper erholen können.

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Eine Möglichkeit, die städtische Bevölkerung vor der Hitze zu schützen, sind Bäume. Eine Studie aus dem Jahr 2021 zeigte: In Wien sind die Flächen in Gebieten mit Bäumen, im Vergleich zu jenen die verbaut sind, im Sommer tagsüber um durchschnittlich elf Grad Celsius kühler (gefühlte Temperatur).  Das liegt beispielsweise am Schatten, den sie spenden und an der Kälte, die durch Verdunstung von Wasser entsteht. Die Lufttemperatur selbst ist unter Bäumen meist nur 2 bis maximal 3 Grad kühler.

Wichtig für Wien ist der Wienerwald. Dort entsteht kalte Luft, die bis zum Wiener Gürtel transportiert wird. Damit die kalte Luft in die Stadt gelangt, müssen sogenannte Kaltluftverbindungen freigehalten werden. Ein Beispiel dafür ist das Wiental: Kalte Luft wird dort von Hütteldorf bis zum Karlsplatz transportiert. Deshalb sollten Parks, Wiesen und Wälder in Siedlungsnähe erhalten bleiben, während Straßen und Plätze entsiegelt werden

3. Eine faire Umverteilung des öffentlichen Raumes

All diese Maßnahmen benötigen Platz und deshalb brauche es eine Umverteilung von öffentlichen Räumen: „Es geht darum, den Platz in der Stadt neu zu verteilen. Jahrzehnte lang wurde der Platz recht schief in Richtung Individualverkehr verteilt. Jetzt ist es an der Zeit, das umzudrehen. Wenn wir das schaffen, können wir auch spürbare Anpassungsmaßnahmen umsetzen“, so Matthias Ratheiser.

Ob die Anpassung an den Klimawandel gelingt, wird jede*r Wiener*in selbst überprüfen können. Das Wichtigste bei Anpassungsmaßnahmen sei, dass man sie spürt. Das wird erreicht, wenn viele Maßnahmen kombiniert werden. Zum Beispiel Bäume, Wasser, Schatten und Kaltluftverbindungen ergeben zusammengenommen einen spürbaren Effekt. Wie die Anpassung an die Hitze konkret aussehen kann, zeigen Beispiele wie die kürzlich umgebaute Zollergasse im siebten Bezirk:

„Die Zollergasse ist ein Beispiel, wo man auf langfristige Veränderung gesetzt hat und nicht nur mobile Maßnahmen umgesetzt wurden. Denn die Nebeldüsen oder Schanigärten sind grundsätzlich nett. Wenn man sie im Winter wieder wegräumt und die Autos den Platz zurückerobern, hat das nur eine limitierende Wirkung“, betont Herbert Formayer.

Wie gut ist der Klimafahrplan der Stadt Wien gelungen?

„Wien ist auf einem guten Weg, ist aber noch nicht dort angekommen, wo die Stadt hinsollte. Mir fehlen noch konkrete „wie geht das“ Angaben und jetzt geht es darum, die Maßnahmen schnell umzusetzen, weil wir nicht mehr viel Zeit haben. Die Sommer werden jetzt schon heißer, aber auch länger, und es gibt häufigere Hitzewellen. Das heißt die Anpassung ist jetzt notwendig.“ – Matthias Ratheiser  

„Was wir wissen ist, dass das Programm und die Ziele, die wir setzen, dazu führen, zumindest Teile oder bestimmte Bereiche der Stadt bestmöglich klimafit zu machen. Da ich selbst an dem Fahrplan mitgearbeitet habe, fällt es mir schwer, ihn in höchsten Tönen zu loben. Ich finde ihn generell sehr weitgehend, aber auch risikofreudig. Denn es sind schon einige Passagen drinnen, wo man nicht weiß, wie man das schaffen wird. “ – Jürgen Preiss

„Im Prinzip ist im aktuellen Klimafahrplan schon einiges gelungen. Die meisten Abteilungen haben erkannt, dass man etwas machen muss. Man sieht aber auch, dass das Bewusstsein nicht überall angekommen ist. Zum Beispiel wenn man sich anschaut, welche Geschütze hochgefahren werden, um die Stadtstraße durchzusetzen. Dass man dort eine Straße braucht, ist kein Thema, aber wenn wir bis 2040 klimaneutral werden wollen, müssen wir bei der individuellen Mobilität die Autos aus der Stadt heraus kriegen, weil wir den Platz brauchen. Im Klimafahrplan fehlen noch konkrete Angaben, wie und wie schnell man diese Ziele erreichen will und welche Zwischenziele es gibt. Man traut sich schon mehr, aber der Fortschritt ist zu langsam.“ – Herbert Formayer

Wie sollte Wien im Jahr 2040 aussehen?

„Das allerwichtigste was anders sein sollte ist, dass wir beim Gehen und Rad fahren mehr Platz haben. Das ist für mich das Zentrale.“ – Matthias Ratheiser

„Es dürfen in der Stadt keine Autos herumstehen. Wenn schon Autos, dann müssen sie unterirdisch parken, weil wir den Raum auf der Straße für Geh- und Radwege, Bäume und Freiräume brauchen, um die lokale Naherholung sicher zu stellen. Wenn es gelingt, den Individualverkehr aus der Stadt heraus zu bekommen, gewinnt man sehr viel Platz, den man anders nutzen kann. – Herbert Formayer

„Man wird wesentlich mehr grün sehen. In neuen Stadtteilen bzw. bei Neubauten werden die Fassaden verpflichtend mindestens zu 20 Prozent begrünt sein. Es wird wesentlich mehr Bäume, und kein Parken im öffentlichen Raum geben, sondern nur Haltemöglichkeiten. Flächen werden multifunktional sein, mit Spielelementen und Anpassungsmaßnahmen, die man teilweise gar nicht sieht, wie das Schwammstadtprinzip.“ – Jürgen Preiss

Bei Einhaltung des Pariser Klimaziels könnte die Zunahme an Hitzetagen in Österreich deutlich gebremst werden. Was aus Expertensicht notwendig ist, um die Klimaziele zu erreichen, ist bekannt. Ob Wien es schaffen wird, sich an die Hitze anzupassen, hängt aber auch von der Akzeptanz der Maßnahmen in der Bevölkerung ab. Eine Herausforderung ist deshalb die Wiener*innen bei all diesen Plänen mitzunehmen.

Wie sich die Hitze auf den menschlichen Körper auswirkt, liest du hier.

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